Xia Ping aus China

Xia Ping

»Mein Herz blutet ohne meine Familie.«

Xia* ist 38 und Christin. Sie musste wegen ihres Glaubens aus China fliehen. In ihrer Heimat erwartet sie das Gefängnis. Auf ihrer Flucht musste sie ihren Mann und zwei Kinder zurücklassen. Seit sie in Deutschland ist, hat sie keinen Kontakt zu ihrer Familie. Denn Angehörige könnten als Druckmittel eingesetzt werden, um Geflüchtete zur Rückkehr nach China zu zwingen, oder selbst verhaftet werden. „Ich liebe mein Land. Es ist ein schönes Land, aber ich brauche Freiheit. Und in China gibt es keine Freiheit“, sagt Xia. „Ich wünsche mir, dass es in China Glaubensfreiheit und Meinungsfreiheit gibt. Dann kann ich zurückgehen.“ Ihren Glauben aufgeben? Für sie unvorstellbar. Verrat an Gott käme ihrem Untergang gleich.

In China war Xia angestellte Apothekerin, wurde aber gekündigt, weil sie in die Kirche ging. Danach begann für sie eine Odyssee. Xia zog dreimal um innerhalb von fünf Monaten, war einige Zeit sogar obdachlos. Schließlich sah sie keinen anderen Ausweg mehr, als das Land zu verlassen. Inzwischen besucht sie Gottesdienste in Rastatt und wird zur Altenpflegerin im Landkreis ausgebildet. Hier kann sie ihre Religion offen leben. Zum ersten Mal. Jahrelang traf sie sich mit anderen Gläubigen im Geheimen – ständig mit dem Risiko, entdeckt zu werden. Aber wie geht es weiter?

Die Leute in Deutschland verstünden nicht, weshalb man aus China fliehen müsse, meint Xia. Es ist ihr wichtig, dass die Deutschen erkennen, weshalb sie hier ist. Sie ist dankbar für die Freiheiten. Ihr Christentum leben zu können. In eine Kirche gehen zu können, ohne Angst, verhaftet zu werden. Nur die Meinungsfreiheit kann sie nicht leben. Wir haben ihren Namen hier im Portrait geändert. Auch ihr Gesicht zeigt sie nicht aus Angst, dass sie identifiziert wird und ihre Familie in China Probleme bekommt.

Rückblick: Der 28.05.2014 – das ist der Tag, an dem Xia das erste Mal an Flucht denkt. Bereits seit Gründung der Volksrepublik China 1949 ist die Ausübung einer Religion großen Hindernissen unterworfen. Doch ab diesem Tag verschärft sich die Lage.

Xia ist Angehörige der Kirche “Begründet durch den Glauben”. Diese Gruppierung wird in China als Sekte angesehen – wie alle Glaubensgemeinschaften außer der Staatskirche. Letztere glaubt zuerst an die Partei. Etwas, was Xia nicht mit sich vereinbaren kann. „Das ist falsch. Zuerst muss man an Gott glauben.“

Sie und ihre Glaubensgeschwister müssen sich heimlich treffen. Ein öffentliches Gebäude, eine Kirche für einen Gottesdienst zu haben – undenkbar. Es wird zu Hause gebetet. Aber selbst das ist nicht einfach. Telefone werden in China abgehört, man kann sich nicht einfach zum Gottesdienst verabreden. Eine Möglichkeit, andere Gläubige einzuladen, ist eine vorgetäuschte Geburtstagsfeier oder ein gemeinsames Abendessen. Falls dann ein Polizist zum Fenster hereinschaut und die Versammelten mit gefalteten Händen erblickt, hat man dennoch ein Problem. Deshalb werden Baumwolllaken und Kleidung vor die Scheiben gestapelt. Die Vorhänge zuzuziehen wäre zu auffällig. Das Risiko, entdeckt zu werden, lauert überall.

Für eine gläubige Person ist in China kein Platz, sagt Xia: „Wer an Gott glaubt, der kann nicht arbeiten“, so die Devise der kommunistischen Volksrepublik. Sobald herauskommt, dass man religiös ist, verliert man seinen Beruf, erhält keine Schulbildung mehr, keine Rente und muss ins Gefängnis. Hat man seine Haftstrafe abgesessen, warten weitere Einschränkungen. Monatlich muss man sich bei der Polizei melden, man wird noch strenger überwacht, um einen Rückfall in die Religiosität zu verhindern.

Zum neuen Gesetz am 28.05.2014 gehört ein Formular, das man ausfüllen muss – um zu ermitteln, ob man einem Glauben angehört. Das bringt viele Gläubige in einen Zwiespalt. Geben sie ihren Glauben zu oder sollen sie lügen? Für Xia wäre letzteres ein Verrat an Gott, eine Verleugnung ihrer Religion.

Als ihr Chef erfährt, dass sie Christin ist, wird sie gefeuert. Sie beginnt, in ihrer Kirche zu arbeiten. Ein Nachbar verrät sie und behauptet, sie sei die Chefin der Kirche. Xia muss daraufhin fliehen. In fünf Monaten wechselt sie dreimal ihren Wohnort. Zwischenzeitlich lebt sie sogar auf der Straße. Anfang 2016 kommt sie nach Deutschland.

Am Abend vor ihrer Abreise gibt Xias neunjährige Tochter ihr einen Brief. Sie traut sich nicht, ihn im Flugzeug zu lesen. Da sie Angst hat, man könnte den Brief entdecken, bewahrt sie ihn in ihrem BH auf. Erst auf deutschem Boden öffnet sie ihn. Ihre Tochter hat ein Haus auf dem Land gemalt und die gesamte Familie ist zusammen: Xia mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern. Auf dem Dach des Hauses befindet sich ein riesiges Kreuz. Es ist das Bild eines besseren Lebens. Es zeigt eine Welt frei von Verfolgung, in der die Familie zusammen ist. Xia holt den Brief jeden Abend hervor.

Bevor sie geht, sagt ihr Sohn zu ihr, Xia müsse sich keine Sorgen machen. Er passe auf die Familie auf. Heute ist ihr Sohn 14 und ihre Tochter zwölf Jahre alt. Seit zweieinhalb Jahren hat Xia keinen Kontakt mehr zu ihnen. Es ist zu gefährlich. Sie weiß von Glaubensmitgliedern, die durch Festnahmen ihrer Angehörigen erpresst werden. Soll ihre Familie sicher sein, darf Xia keinen Kontakt zu ihr haben. Sonst könnten ihre Angehörigen auffliegen.

Zu Beginn war Xia in Deutschland sehr einsam, doch inzwischen konnte sie einige Kontakte knüpfen. „Alle Christen sind eine Familie“, sagt sie und so schließt sie viele Kontakte über die Kirche. Sie besucht eine evangelische Gemeinde. Auch ihre Ausbildung zur Altenpflegerin hat sie durch den Tipp eines Kirchenmitglieds bekommen. Sie freundet sich mit anderen chinesischen ChristInnen an, doch dies dauert. Zu Beginn ist sie sehr misstrauisch. Beinahe paranoid fragt sie sich, ob diese sie nicht verraten werden. Sie lacht verlegen, als sie das erzählt. Denn die anderen stecken in derselben Situation wie sie.

Und alle haben Angst, dass sie nicht in Deutschland bleiben dürfen. Dass die deutsche Polizei sie nachts abholt. So wie ihre 54-jährige Glaubensschwester, die am Flughafen vor der Abschiebung mehrfach mit dem Kopf gegen die Wand rennt, bis sie am Boden zusammenbricht: „Ich sterbe lieber in Deutschland als in China.“

Trotz aller Erlebnisse hat Xia weiter Hoffnung, dass sie eines Tages nach China zurückkehren kann, um mit ihrer Familie vereint zu leben. Sie hofft auf Religionsfreiheit und Meinungsfreiheit. Beides Gründe, wieso sie nach Deutschland gekommen ist.

*Xias Name ist geändert, ihr Gesicht zeigt sie nicht aus Angst, dass sie identifiziert wird und ihre Familie in China Probleme bekommt.

Lea Spitz

Lea Spitz

Lea Spitz, Jahrgang 1997, macht – nach ihrem Abitur an der Anne-Frank-Schule in Rastatt - Chennai in Indien unsicher. Sie absolviert ihren Freiwilligendienst bei einer NGO, die hauptsächlich im Bereich HIV- und Aidsaufklärung arbeitet. Inzwischen hat sie sich gut in Indien eingelebt und mag es sogar, auf dem Motorrad mitzufahren. Ohne Helm. „Aber verratet das bloß nicht meinen Eltern!“ RAVOLUTION ist für sie ein Inspirationspool. „Es ist interessant zu sehen, was die anderen RAVOLUTIONÄRE gerade bewegt und an eigenen Ideen einzubringen.“ Zum Glück geht das auch über Ländergrenzen hinweg! (Text am 30.01.2018 aktualisiert)