Parwa aus Kirkuk, Irak

Parwa

»Wir hörten die Bomben fallen. Wir lebten ständig in Angst.«

Parwa, Anwältin, 35 Jahre alt, Mutter von 2 Kindern, stammt aus der Universitätsstadt Kirkuk im Nord-Irak. „Nachts konnten wir hören, wenn Bomben fielen, wenn Menschen getötet wurden und wenn in den Straßen geschossen wurde. Wir lebten ständig in Angst.“ Das wird sie nie vergessen.

In der Türkei mussten sie für ihre Weiterreise viel Geld bezahlen – und dann das: „Ich hatte Angst auf dem Boot. Ich kann nicht schwimmen, ebenso wenig mein Mann und meine beiden Kinder. Es war dunkel auf dem Meer, um uns herum nichts und das Wasser war bedrohlich wild. Wir waren 35 Leute.“ In Gruppen wurden sie transportiert. 4 wurden von der Polizei geschnappt und in die Türkei zurückgeschickt. Parwas Familie hatte Glück.

Jetzt muss sie völlig neu planen, als Anwältin kann sie in Deutschland nicht arbeiten; sie will eine Ausbildung zur Erzieherin machen. „Ich wünsche mir, dass die Mehrheit der Menschen in Deutschland so offen, nett und verständnisvoll bleibt.“

Unser Redaktionsmitglied Zazou Hassouna hat mit Parwa gesprochen. 

RAVOLUTION: Was für Ziele und Träume hatten Sie damals im Irak und haben Sie heute in Deutschland?

Parwa: Im Irak wollte ich einfach ein schönes Leben mit meinen zwei Kindern und meinem Ehemann genießen. Und als Anwältin weiter tätig sein. Heute in Deutschland will ich nur das Privileg haben, in Sicherheit zu leben und dass meine Kinder einen Zugang zu Bildung bekommen.

RAVOLUTION: Was war ihre Tätigkeit im Irak und ist es heute in Deutschland?

Parwa: Im Nord-Irak habe ich Jura studiert und war als Anwältin beschäftigt. In Deutschland kann ich dies nicht fortführen, da die Gesetze und Regeln im Irak nicht gleich zu denen hier in Deutschland sind. Folglich müsste ich in Deutschland wieder Jura studieren, um meine Lizenz als Anwältin zurück zu kriegen. Das ist zu schwierig. Zurzeit besuche ich einen Deutsch Sprachkurs und anschließend würde ich gerne eine Ausbildung zur Erzieherin oder Kindergärtnerin machen.

RAVOLUTION: Haben Sie noch Familie im Irak?

Parwa: Ja, meine Familie lebt noch im Irak, die meines Mannes auch. Die Hälfte der Menschen im Irak sind auf der Flucht. Meine Familie ist auch auf der Flucht innerhalb des Iraks.

RAVOLUTION: Wieso sind Sie aus dem Irak geflohen?

Parwa: Im Irak gibt es schon seit vielen, vielen Jahren Krieg und keine Sicherheit für die Menschen, die dieses Land bewohnen. Meine Stadt, Kirkuk, wurde zerbombt. Nachts als wir schliefen, konnten wir ganz genau hören, wenn neue Bomben fielen, wenn Menschen getötet wurden und wenn es weitere Schießereien in den Straßen gab. Nachts, hörten wir den Krieg. Wir lebten ständig in Angst, wie viele Millionen andere Menschen auch, die aus diesem Grund geflohen sind.

RAVOLUTION: Wie sind Sie nach Deutschland gekommen und gab es viele Hindernisse?

Parwa: Wir sind über die Türkei nach Griechenland, dann anschließend über die Balkanstaaten hoch nach Deutschland geflohen. In der Türkei war es sehr hart. Wir standen 3 Tage lang unter Erpressung. Sie wollten Geld, im Gegenzug dafür hätte wir weiterreisen dürfen. Wir hatten viele Schwierigkeiten. Natürlich war die Flucht gefährlich, das ist jede Flucht. Jeder Flüchtling hat seine eigene Geschichte. Es ist nicht einfach. Am meisten Angst hatten wir vor der Polizei, dass sie uns verhaftet. Das habe ich in Deutschland manchmal immer noch. Ich erinnere mich, wir wollten von der Türkei aus über das Meer nach Griechenland. In der Türkei wurden wir von sieben Männern bedroht. Wir mussten ihnen alles geben, um nach Griechenland zu gelangen. Ich hatte Angst auf dem Boot. Ich kann nicht schwimmen, ebenso wenig mein Mann und meine beiden Kinder. Es war dunkel im Meer, um uns herum nichts und das Wasser war bedrohlich wild. Wir waren 35 Leute. Zuerst wurden die jungen Menschen übergesetzt, anschießend die Alten. Meine Familie und zusätzlich fünf andere junge Menschen schafften es nach Griechenland, um genau zu sein nach Thessaloniki, eine Hafenstadt am Thrakischen Meer. Ein Grieche hat uns dabei geholfen. Letztendlich blieben noch wir und einer von den fünf übrig. Die anderen vier wurden von der Polizei geschnappt und in die Türkei zurückgeschickt. Sobald wir in Österreich und Deutschland ankamen, wurde uns vom Deutschen Roten Kreuz sofort mit Kleidung und Essensvorräten geholfen.

RAVOLUTION: Mussten Sie viel zurück lassen im Irak?

Parwa: Wir hatten nur einen kleinen Rucksack für die ganze Familie auf der Flucht dabei, mit Kleidern für die Kinder. Am wichtigsten war das Essen. Sonst nichts.

RAVOLUTION: Wieso sind Sie nach Deutschland geflohen?

Parwa: Wir wussten, dass in Deutschland unsere Menschenrechte von Bedeutung sind und dass  uns deshalb geholfen wird. In Deutschland gibt es Demokratie, unsere Kinder können in Sicherheit zur Schule gehen und im Gegensatz zum Irak gibt es eine Krankenversicherung für alle. Im Irak sterben viele, auch kleine Kinder, weil sie keine Medikamente bekommen. Wir möchten nicht viel, nur ein ganz normales Leben. Im Irak hatten wir nicht viele Rechte. Ich meine, wenn man alle seine Rechte besitzt, wieso sollte man dann fliehen?

RAVOLUTION: Glauben Sie, je wieder zurück zu können in den Irak?

Parwa: Nein, außer der Krieg endet. Ich glaube jeder Mensch auf dieser Welt möchte in seiner Heimat leben. Ich vermisse den Irak. Ich habe viele Erinnerungen von dort, wie ich als kleines Kind zur Schule ging, wie ich dort Jura studiert habe und wie ich im Irak mein Zuhause fand. Nichtsdestotrotz, in diesem Zustand, in dem sich der Irak zurzeit befindet, möchte ich nicht zurück.

RAVOLUTION: Können Sie Flüchtlinge verstehen, die undankbar sind?

Parwa: Ja, kann ich. Es gibt glücklicherweise sehr wenige von ihnen. Egal woher man kommt, die Flucht verändert einen. Irgendwie sind wir doch alle ein bisschen traumatisiert und verhalten uns demnach anders. Und für manche ist die Trauer um das Verlorene vielleicht noch größer als die Dankbarkeit für das Neugewonnene.

RAVOLUTION: Viele Deutsche haben Angst vor Islamisierung. Wenn die Deutschen nun in den Irak fliehen müssten, würden Sie diese Sorge auch bei den Menschen in Ihrem Land sehen? Vor christlicher Missionierung des Iraks?

Parwa: Ja, ich denke viele Menschen im Irak hätten auch Angst davor, weil sie sehr gläubig sind. Eben deshalb würde ich mir wünschen, dass die Mehrheit der Menschen in Deutschland so offen, nett und verständnisvoll bleibt.

Zazou Hassouna

Zazou Hassouna

Unser jüngstes Redaktionsmitglied: 16 Jahre. Und dabei sagt das Alter nicht viel aus. Denn Zazou geht durch ihr vielseitiges Engagement voller Wissbegier ihren Weg: auf dem Tulla-Gymnasium Rastatt, beim Spielen am Phoenix-Theater Rastatt, bei der DLRG und beim Tanzen. Sie ist kreativ, hilfsbereit, freundlich, mal leise und mal sehr laut.