Najwa aus Damaskus, Syrien

Nawja

»Sie hat mich angeschrien, was ich in Deutschland will.«

Najwa (gesprochen: Naschua) ist eine kleine Frau mit hübschem Gesicht, deren Augen stark geschminkt sind. Ihre Schuhe haben mörderisch hohe Absätze und ihre Haare werden von einem Kopftuch bedeckt. Trotz ihres auffälligen Erscheinungsbildes wirkt sie zurückhaltend und zartbesaitet.

Najwa ist 29 Jahre alt und kommt aus Damaskus, Syrien. Dort war sie gelernte Friseurin und später Journalistin, Fernseh- und Radiomoderatorin sowie YouTube-Star: „Es gibt viele Fernsehsendungen wie meine damals in Syrien. Die Show, die ich moderiert habe, hieß ‚Politik und Leute‘. Auf Facebook habe ich eine Seite, auf der ich meine Gedichte poste.“ Sie holt ihr Handy aus der Tasche und zeigt ein Video, in dem sie eines ihrer Gedichte vorträgt. Zwischendurch kichert sie: „Das Gedicht handelt von den Unterschieden zwischen Männern und Frauen, es ist lustig geschrieben.“

Die junge Syrerin möchte in Deutschland Fuß fassen und wieder ihren Beruf als Journalistin ausüben oder zumindest als Friseurin arbeiten. Aber ob sie das schafft? Als erste Muslima im deutschen TV mit Kopftuch? Sie wohnt in einem Flüchtlingsheim in Bühl, dort hat sie ein Zimmer für sich. Und auch sonst ist sie oft alleine, denn sie hat keine Freunde hier in Deutschland und ihre Familie lebt nun in Ägypten. „Am liebsten hätte ich deutsche Freunde, dann könnte ich auch besser Deutsch lernen.”

Najwas Reise nach Deutschland hat 10 Tage gedauert. Sie ist per Boot, Schiff, Zug und Bus über die Türkei, Griechenland, Serbien, Ungarn und schließlich nach Illwangen, Deutschland,  gekommen. Mitgenommen hat sie nur ihre wichtigsten Dokumente wie Pass und Zeugnisse. Ihre wenige Kleidung musste sie auf der Reise wegwerfen. In Syrien drohte ihr das Gefängnis wegen ihrer kritischen Berichte. Sie ist eine moderne Frau, mit klaren Vorstellungen. Sie trägt ihr Kopftuch wie einen Schmuck.

Angekommen ist sie bislang nirgendwo. Zuhause ist für sie eine Sehnsucht. Auch weil sie immer wieder das Gefühl hat, nicht willkommen zu sein. “Da gab es eine Frau, die hat mich angeschrien, dass wir Flüchtlinge nur auf ihre Kosten hier leben würden.” Najwa ist innerlich zerrissen. Zwischen zwei Welten. Aber sie möchte dazu gehören; sie besucht einen Deutschkurs und macht Videos für YouTube auf Arabisch. Zusammen mit anderen Flüchtlingen erklärt sie die deutsche Kultur und Bürokratie, zum Beispiel was man bei Ämtern alles beachten muss. „Ich möchte in Deutschland bleiben. Am liebsten hätte ich wieder eine Fernsehsendung und wäre eine erfolgreiche Journalistin wie in Syrien.“ Das ist ihr Traum. Von Tag zu Tag. Viel weiter kann sie nicht denken.

Paula Enneker

Paula Enneker

Machte 2018 ihr Abitur an der Anne-Frank-Schule Rastatt (BTG). Paula, Jahrgang 1998, mag Hunde, Gerechtigkeit, arte und natürlich: Lesen. Mag nicht: „Menschen ohne Rückgrat, die nicht wissen, was sie wollen.“ und Meeresfrüchte. Sie trägt ihr Herz auf der Zunge und tritt dabei auch mal ins Fettnäpfchen oder anderen auf den Schlips. Keine schlechten Voraussetzungen für den Journalismus.